125 Jahre Martinsumzüge in Angermund
Auch in diesem Jahr organisiert das St. Martins Komitee wieder ein Martinsfest für alle Angermunder Kinder. Das Wackeln der selbst gebastelten Laternen in den kleinen Händen mit Mütze und Handschuh bewaffnet, der Stolz, wenn das Licht dem Wind standhält, das ist der Moment, wo aus Kindern für einen Moment kleine Helden werden. So zählt auch in diesem Jahr nicht das große Jubiläum, sondern der einzelne Augenblick: das Staunen, das Leuchten und das Zusammensein. Der Martinszug startet am Freitag, 6. November, mit Anbruch der Dunkelheit um etwa 17.20 Uhr von der Friedrich-von-Spee-Schule, Am Litzgraben 28a, in Angermund.
Die Tradition ist im Angermunder Leben schon seit langer Zeit verwurzelt. Im Jahr 1901 schrieb der damalige Bürgermeister Angermunds Carl Baasel, der gleichzeitig auch Lokalschulinspektor war, an den Lehrer Jakob Lieblang, dass er mit dem willkürlichen Umherziehen der Kinder am Martinsabend und dem „Gripschen“ bis in den späten Abend sehr unzufrieden ist, und beschließt deshalb, die Angelegenheit neu zu regeln.
Das erste geordnete St. Martinsfest mit einem gemeinsamen Umzug der Kinder fand in Angermund am Sonntag nach Martini, dem 17. November 1901, statt. Der Musikkapelle folgten die Schulkinder mit ihrem Lehrer, der Bürgermeister, die Schulvorstandsmitglieder und sehr viele Bürger aus dem Ort. Der ganze Umzug verlief in schönster Ordnung. Anschließend wurden alle Kinder, auch die noch nicht Schulpflichtigen, beschenkt. Eine Haussammlung unter den Einwohnern Angermunds erbrachte annähernd 60 Mark, was heute etwa 500 Euro entspräche.
Abweichend von jahrzehntelanger Tradition führte der Martinszug im Jahr 2017 nur noch über das Schulgelände. Eine Folge der zunehmenden Terroranschläge und der damit verbundenen Anforderungen an Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Was früher reine Formsache war, erforderte jetzt ganze Sicherheitskonzepte. Um die Tradition jedoch aufrechtzuerhalten, wurde aus diesem Grund am 24. Februar 2018 das St. Martinskomitee von 1901 e.V. gegründet.
Nun können die heute fast 1.000 Kinder, 1901 waren es ungefähr 150 Schulkinder, wieder durch die Straßen von Angermund ziehen, zwar im kleineren Straßenverkehrskreis, aber dafür sicherer als je zuvor. Auch die Haussammlung wurde abgelöst. Heute werden die Karten in der Schule durch Mitglieder der Schulpflegschaft, in den Kindergärten durch Vorstandsmitglieder des Komitees sowie im Eiscafé Rose und bei Florantika Blumen in Angermund verkauft. Der Preis beträgt fünf Euro pro Tüte.
Doch der Erlös aus dem Kartenverkauf deckt leider nur einen Teil der Kosten. Auch die Ausgaben für Musik, das Deutsche Rote Kreuz, Pferd und Reiter, Tüten und Tüteninhalt, die Freiwillige Feuerwehr und auch die abzuschließenden Versicherungen müssen alle finanziert werden. Deshalb ist der Verein zusätzlich auf Spenden angewiesen.

Besondere Unterstützung erfährt das St. Martinskomitee durch eine Sammlung bei den Angermunder Geschäftsleuten. Aber auch viele Angermunder Bürger unterstützen den Verein mit Spenden bar oder auf das Konto des Vereins bei der Stadtsparkasse Düsseldorf: IBAN DE71 3005 0110 1007 9428 14. Wenn Sie eine Absenderadresse angeben, wird Ihnen selbstverständlich gerne eine Spendenquittung ausgestellt. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an alle Unterstützer und an die fast 100 ehrenamtlichen Helfer, ohne die das traditionelle St. Martinsfest nicht stattfinden könnte.
Die Kinder nehmen im gewohnten Klassenverband gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern sowie jeweils vier zusätzlichen Aufsichtspersonen am Martinszug teil. Dabei haben die Kinder Gelegenheit, ihre gelernten Martinslieder auch zu singen. Ob dabei auch die auf Angermund bezogene Umdichtung des ‚Düsseldorfer Martinsliedes‘ gesungen wird: „Gott schütze, singe jeder Mund, das kleine Städtchen Angermund“, dürfte wohl fraglich sein. Hinter den Schulklassen reihen sich dann die Kindergartenkinder mit ihren Eltern ein.
Vom Schulhof aus kommend wird rechts in die Straße Am Litzgraben abgebogen, weiter über Im kleinen Winkel, Kirchweg, Bahnhofstraße, Zur Lindung und wieder zurück auf das Schulgelände Am Litzgraben 28a auf die Freifläche hinter dem Schulhof, wo die Martinsfeier mit Martinsfeuer und Mantelteilung stattfindet. Die Martinstüten werden anschließend vor dem Hauptgebäude ausgegeben. Für Eltern oder Aufsichtspersonen empfiehlt es sich, vorher einen Treffpunkt auf dem Schulgelände abzustimmen.
St. Martin hat seinen Mantel mit dem Bettler geteilt. Im Jahr 1971 wurden die Kinder erstmals aufgefordert, auf einen Teil ihrer überreichlich gefüllten Martinstüte zu verzichten und diesen Anteil einem karitativen Zweck zuzuführen. Um das noch einmal zu verinnerlichen, bringen die Kinder in der Woche nach dem Fest einen Teil der Süßigkeiten aus den Tüten und den selbst „ergripschten“ Obst und Naschereien als Spende mit in die Schule. Diese Sachwerte werden zur Düsseldorfer Kindertafel gebracht, also im Sinne des Festes mit den ärmeren Kindern geteilt. Das „Gripschen“ übrigens, das sich ursprünglich auf die Nachbarschaft und Verwandtschaft beschränkte, ist ein uralter Brauch, wesentlich älter als alle organisierten Martinszüge. Es ist seit jeher verbunden mit dem Martinstag, der nicht nur Pacht- und Zinstag, sondern auch Geschenktag war.
Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Martinszüge haben sich Peter Jakobs, Tim A. Küsters und Wolfgang Stecher mit der „Größten Martinsfackel von Angermund“ etwas ganz Besonderes ausgedacht. Danach sollen die Fenster des Bürgerhauses in der Graf-Engelbert-Straße 9 in ein leuchtendes Kunstwerk verwandelt werden. Vom 4. November bis zum 11. November wird das Gemeinschaftswerk täglich ab 17.30 Uhr am Bürgerhaus erstrahlen. Kommen Sie vorbei und schauen Sie selbst, wie viele kleine Hände ein großes Licht entstehen lassen.
Martin wurde 316 oder 317 nach Christus in Sabaria, dem heutigen Ungarn, als Sohn eines römischen Offiziers geboren. Als junger Soldat begegnete er vor den Toren von Amiens einem frierenden Bettler, an dem Passanten achtlos vorübergingen. Er nahm sein Schwert, teilte den Militärmantel mitten entzwei und gab die eine Hälfte dem Armen. In der folgenden Nacht erschien Martin im Traum Jesus Christus, bekleidet mit jenem halben Mantel. Tief bewegt ließ sich Martin daraufhin taufen. Diese Mantelteilung ist das Herzstück der Martinsfrömmigkeit.
Um 371 nach Christus wurde Martin gegen seinen Willen zum Bischof von Tours gewählt. Er fühlte sich dieses Amtes nicht würdig und hatte sich deshalb im Gänsestall versteckt. Doch das Geschnatter der Gänse verriet ihn. Als Bischof von Tours unternahm Martin zahlreiche Missionsreisen, heilte Kranke, bewahrte Sünder vor harten Strafen und trat selbst Kaisern mutig entgegen. Am 8. November 397 nach Christus starb er an der Loire. Sein Gedächtnistag, der 11. November, wurde der Tag seiner feierlichen Beisetzung in Tours.
Seit Jahrhunderten wird die Gans als Martinsvogel bezeichnet. Der Brauch des Gänseessens am Martinstag, dem 11. November, hat wohl seinen Ursprung im germanischen Wodanskult. Im Mittelalter endete an diesem Tag das Pacht- und Wirtschaftsjahr, zu dem Abgaben, Pachten und Steuern fällig waren, oft bezahlt in Form von Naturalien wie einer Gans, der sogenannten „Zinsgans“. Nach dem Martinstag begann früher die 40 Tage dauernde Advents- und Fastenzeit vor Weihnachten. Deshalb wurde an St. Martin noch einmal ausgiebig mit einem Gänsebraten gefeiert.