Der Nachtwächter erzählt von Raubrittern und starken Frauen in Kalkum
Episoden aus sechs Jahrhunderten der weit mehr als 1.000-jährigen Kalkumer Geschichte trug am 1. und 4. September der Kalkumer Nachtwächter (Michael Hermes) bei einem Rundgang durchs Dorf vor. Veranschaulicht wurden seine jeweils mit Horn angekündigten Berichte mit Sketchen vom schauspielerisch begabten Vorstand des Kulturkreis Kalkum e.V. und weiteren Kalkumern, flankiert von der Jugendfeuerwehr mit Fackeln.
Am Nordtor des Kalkumer Wasserschlosses war die erste Station. Hier ging es um die Herren von Kalkum. Sie hatten als Raubritter Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts die Gegend bis Köln mit ihren Raubzügen überzogen. Diese Kalkumer Fehden endeten erst, als Ludekin von Kalkum (Erik Wiese) von den Kölnern gefangen und zum Tode verurteilt wurde. Die Kölner verheerten die Grafschaft Berg mit Brandschatzung und Zerstörung, insbesondere Ratingen und Solingen.

Vor dem Westtor, der nächsten Station des Rundgangs, verhandelte Gräfin Maria Antonietta von Hatzfeld (Gerhard Becker) mit dem damaligen Kalkumer Pastor (Hermann-Josef Otto) im Jahr 1818 über die Details einer großen Prozession, die als Dank stattfinden sollte für die von der Gräfin gestiftete Reliquie, einem Splitter aus dem Kreuz Jesu. Sie wurde seitdem jährlich am 5. Sonntag nach Ostern als „Kreuzprozession“ wiederholt. Erwähnt sei hier, dass der Kalkumer Pfarrgemeinderat jüngst beschlossen hat, die vom Schlosshof ausgehende Kreuzprozession nicht mehr durchzuführen wegen des elendigen Zustandes von Schloss und Innenhof nach mehr als zehn Jahren Leerstand. Nur ein entsprechender Gottesdienst in der Kirche findet in Zukunft noch statt.
Weiter ging es am Südtor mit Berichten über die Erneuerung und Erweiterung des Schlosses nach Westen (rosaroter Teil) und Erweiterung des großen Parks im 19. Jahrhundert mit exotischen Bäumen, die zum Teil noch heute stehen. Gartenarchitekt war Maximilian Friedrich Weyhe (Gerhard Becker), der auch den Düsseldorfer Hofgarten gestaltete.
Anschließend verließ der ganze Tross den Park über ein Privatgrundstück und erreichte die Oberdorfstraße. Hier gab der Nachtwächter Geschichten über eine starke Frau aus Kalkum preis, die in drei Ehen mehr als einem Dutzend Kindern das Leben schenkte. Als Witwe versorgte sie nicht nur Kinder, Haushalt und Garten zur Selbstversorgung, sondern auch eine Gastwirtschaft.
Zwei dicke Freundinnen, unzertrennlich über Jahrzehnte, „dat Lisbeth“ und „dat Schwatt“ (schwarzhaarig), kamen dann doch mal in Streit, weil Lisbeth aus dem Gebetsbuch der „Schwatten“ heimlich ein paar Seiten herausgetrennt hatte. Sie brauchte sie als Zigarettenpapier, konnte ihrer Nikotinsucht nicht mehr widerstehen. Christine Schmitz führte souverän bis 1971 als eine weitere starke Frau einen Dorfladen an der Oberdorfstraße und war Dreh- und Angelpunkt im Dorfklatsch. Im „Bollinger Hof“, direkt neben der Kirche auf dem heutigen Dorfplatz, regierte ab 1934 ebenfalls eine starke Frau, Ella Rose, über Gaststätte, Theater- und Tanzlokal, was damals eigentlich meist Männern vorbehalten war. Sie ignorierte behördliche Einwände und überwand sie schließlich.
Hier auf dem Dorfplatz endete der Rundgang bei einem Bier, alkoholfreien Getränken, Salzgebäck und Fortsetzung von Dorfklatsch beziehungsweise auch ernsthafteren Themen. Am 4. September, beim zweiten Nachtwächterrundgang, war das Wetter nicht so vorteilhaft, dennoch gab es eine große Beteiligung. Der kleine Imbiss musste aber ins Gemeindehaus nebenan verlegt werden. Ein kleiner Obolus für die Jugendfeuerwehr war jeweils erbeten.