Sie ist 73 Jahre alt, hat lebhafte Augen und lacht schnell – und wer Dagmar Wildförster begegnet, spürt sofort: Hier sitzt kein Mensch, der zur Ruhe gekommen ist. „Ich bin eigentlich ein kribberliger Mensch“, sagt sie selbst, mit einem Lächeln, das verrät, dass sie das durchaus weiß. Und doch: Wenn sie vor der Leinwand steht, wenn sie Pinsel oder Fineliner schwingt, kehrt Stille ein. „Die Malerei ist für mich wie eine Meditation“, sagt sie. „Alles andere fällt dann weg.“
Dass Dagmar Wildförster Künstlerin werden würde, war vielleicht schon früh beschlossene Sache. Bereits in der Kindergartenzeit fielen den Erzieherinnen ihre außergewöhnliche Begabung auf. Auch ihr Vater hatte ein Talent für das Bildnerische – ein Erbe, das sie sichtlich angenommen hat. Seit 1996 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin, schloss 2009 ihr Studium als Meisterschülerin an der Freien Kunstakademie der bildenden Künste in Essen ab – ein Studium für das ihr Mann ihr den Rücken freihielt. Für sie war dieser Weg nie eine Frage der Karriere. „Es ist kein Beruf“, sagt sie, „es ist eine Berufung.“

Ihr Thema: häufig Städte oder Landschaften am Meer. Ihre Sprache: Grau. Wer das für spröde hält, wird in ihrem Atelier eines Besseren belehrt. 170 verschiedene Grautöne vereint Wildförster in einem einzigen Werk – Achatgrau, Dämmergrau, Maulwurfsgrau. Grau, erklärt sie, mische man nicht einfach aus Schwarz und Weiß, sondern aus den Grundfarben, aufgehellt mit Weiß, und in ihren Bildern wird aus einem einfachen Grau etwas Lebendiges.
Aktuell faszinieren sie Kreise. Mit exakt drei Finelinern – blau, rot, grün – zeichnet Wildförster Kreise, die aus waagerechten und senkrechten Linien entstehen. Kein Zirkel, nur Zahlen rund um einen Kreis, die sie immer wieder verbindet – Handführung, Rhythmus und Konzentration. Was dabei entsteht, bewegt sich im Spannungsfeld von strenger Geometrie und lebendiger Handschrift, von mathematischer Klarheit und sinnlicher Wärme und dem Gefühl, dass der Kreis zur Kugel wird.
Das passt zu einer Frau, die Zahlen liebt und klare Linien schätzt – und die schon länger im Bereich der konkret-konstruktiven Kunst forscht, für die sie 2018 sogar für den renommierten internationalen André-Evard-Preis nominiert wurde. Wildförster interessiert das Zusammenspiel einfacher geometrischer Grundformen: Wie verhalten sich Quadrat und Kreis zueinander? Was passiert, wenn Ordnung auf Handwerk trifft?
Zur Seite steht ihr dabei ihr Mann. Die beiden feiern in diesem Jahr Silberhochzeit – 25 gemeinsame Jahre, in denen er, der viele Jahre eine Werbeagentur geleitet hat und heute leidenschaftlicher Kunstfotograf ist, immer da war. Sein Blick für das Bild, sein Verständnis für das Handwerk haben ihn zum aufmerksamsten Begleiter gemacht, den eine Künstlerin sich wünschen kann. Auf die Frage, was ihn antreibe, antwortet er mit einem Augenzwinkern: „Ich beherrsche die Kunst des Lebens.“
Das Atelier ist zu finden in Lohausen, Alte Flughafenstraße 4.


NORDBOTE-Newsletter
Neuste Nachrichten für Düsseldorf-Nord und Duisburg-Süd, Events und Angebote jeden Dienstag- und Freitagmorgen direkt in Ihr Mail-Postfach!
