Er ist ein Mann der leisen, bedachten Töne, der die Welt mit wachen Augen betrachtet und dessen Herz spürbar für die Natur schlägt. Wer Dr. Jochen Reiter, dem Direktor des Düsseldorfer Aquazoos, begegnet, erlebt einen faszinierenden Kontrast: Eine tiefe, beruhigende Gelassenheit auf der einen Seite, und eine unbändige, fast kindliche Begeisterung für die Tierwelt auf der anderen. Unter seiner Führung hat sich das Haus zum besucherstärksten Museum Nordrhein-Westfalens entwickelt. Im Interview mit dem NORDBOTE spricht der gebürtige Niederbayer, promovierte Biologe und Familienvater über seinen Werdegang und die Zukunft des Instituts.

Herr Dr. Reiter, Ihr Weg hat Sie über renommierte Stationen in den Zoos von Augsburg, Frankfurt und Duisburg nach Düsseldorf geführt. Woher rührt diese tiefe Verbundenheit zur Tierwelt?
Das begann schon in frühester Kindheit. Wir haben als Kinder viel Zeit draußen in der Natur verbracht. Eine ganz besondere Prägung war sicherlich auch mein erstes Haustier, unser Kater Felix. Er ist stolze 21 Jahre alt geworden und hat mich über eine enorm lange Zeit meines Lebens begleitet.
Aus der Passion wurde ein Beruf: Sie haben in Erlangen Biologie studiert. Gab es dort einen Schlüsselmoment?
Ja, am Institut für Zoologie in Erlangen hatte ich das erste Mal intensiven und direkten Kontakt mit exotischen Tieren. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Für meine Promotion ging ich im Anschluss für drei Jahre auf die Philippinen – eine wissenschaftlich wie persönlich unglaublich bereichernde Zeit.
Heute leiten Sie eine der komplexesten Kultureinrichtungen der Region, sind gleichzeitig Familienvater – verheiratet mit einer Tierärztin und Vater von Zwillingen. Wie blicken Sie auf Ihre tägliche Rolle?
Trotz der enormen Managementaufgaben sehe ich mich im Herzen immer noch als Entdecker. Ich war immer Generalist und bleibe Generalist. Genau diese Eigenschaft erlaubt es mir, stets aus der Vogelperspektive auf das komplexe Gefüge des Aquazoos zu blicken. Dabei ist mir eines extrem wichtig: Ich habe mir meine kindliche Neugier stets beibehalten.
Der Aquazoo bricht regelmäßig Besucherrekorde und gilt als das besucherstärksten Museum in ganz Nordrhein-Westfalen. Was macht das Konzept so einzigartig?
Der Aquazoo ist in seiner Konzeption weltweit etwas ganz Besonderes. Wir sind kein reiner Zoo, kein reines Aquarium und kein reines Naturkundemuseum – wir sind alles in einem, und alles ist organisch miteinander verzahnt.
Das Erstaunliche ist, dass Sie diesen Erfolg auf einer verhältnismäßig kleinen Ausstellungsfläche generieren…
Absolut. Unsere reine Ausstellungsfläche beträgt gerade einmal 2.000 Quadratmeter. Das ist nicht viel, trotzdem kommen die Besucher in Scharen – rund 465.000 Menschen im Jahr! Am vergangenen Feiertag durften wir sensationelle 3.958 Tagesgäste bei uns begrüßen. Das ist Wahnsinn und erfüllt uns mit großem Stolz. Flankiert wird das von rund 900 Veranstaltungen im Jahr, vom Kindergeburtstag bis hin zu wissenschaftlichen Fachvorträgen.
Zoos und Aquarien stehen heute unter genauer gesellschaftlicher Beobachtung und werden oft kritisch hinterfragt. Wie begegnen Sie dieser Kritik?
Man kann Zoos absolut kritisch gegenüberstehen, das ist legitim. Was mich jedoch umtreibt, ist, dass ein Großteil der Gesellschaft über ein gefährliches Halbwissen verfügt. Hier plädiere ich vehement für Aufklärung. Fakt ist: Jeder moderne Zoo bietet seinen Tieren ein echtes „Rundum-sorglos-Paket“. Es gibt verlässlich Nahrung, feste Partner und eine lückenlose medizinische Versorgung. Der einzige Punkt ist: Die Gehege sind begrenzt. Aber auf der anderen Seite kennen es diese Tiere, die bei uns leben, nicht anders.
Wie definieren Sie unter diesen Bedingungen die Verantwortung Ihres Hauses?
Unsere Aufgabe ist es, für jedes der uns anvertrauten 6.000 Tiere ein Umfeld zu schaffen, damit es sein volles Verhaltensrepertoire ausleben kann. Tierwohl ist die höchste Maxime für uns. Täglich wird hinter den Kulissen akribisch kontrolliert, ob bei jedem Tier alle Parameter wie Luft, Feuchtigkeit oder Mineralien etc. exakt stimmen. Wenn nicht, wird sofort ärztlicher Rat eingeholt. Zudem verlasse ich mich voll auf unser großartiges Team: Jeder Pfleger kennt seine „Pappenheimer“ ganz genau. Sie sehen sofort: Zeigt das Tier Stress? Frisst es nicht? Das ist echte Fürsorge.
Sie betonen oft, dass der Aquazoo sich besonders für die „Underdogs“ der Tierwelt einsetzt. Was meinen Sie damit?
Wir kümmern uns ganz gezielt um die Tiere, die keine große Lobby in der Öffentlichkeit haben. Über die Bildung für nachhaltige Entwicklung wollen wir Menschen sensibilisieren – und zwar durch Faszination. Unser Haus ist nahbar gebaut, Mensch und Tier werden oft nur durch eine Glasscheibe getrennt. Wir wollen die Besucher sensibilisiert nach Hause schicken.
Warum ist diese Sensibilisierung heute dringender denn je?
Weil die Lage der Natur dramatisch ist. Für uns alle ist es nicht mehr fünf vor zwölf, sondern eher schon halb eins. Jeder einzelne von uns muss seinen Beitrag zur Erhaltung der Natur leisten und bereits im Kleinen nachhaltiger werden. Wir müssen jeden Strohhalm ergreifen. Es sind so unendlich viele Tierarten bedroht. Nehmen Sie den ganz einfachen Haussperling: Selbst der Spatz ist vom Aussterben bedroht! Nahrungsmangel ist heute ein riesiges Problem für Haussperlinge und ihre Jungen, vor allem in den Städten. Samen von Wildgräsern und Wildkräutern gibt es kaum noch, Insekten sind in ausreichender Menge schwer zu finden, weil der Boden überall versiegelt ist.
Um den Aufgaben auch in den kommenden Jahrzehnten gerecht zu werden, planen Sie einen gewaltigen Schritt: einen umfassenden Ausbau. Wie sieht Ihre Vision aus?
Mein Wunsch ist es, den Aquazoo baulich zu erweitern, um absolut zukunftsfähig zu sein. Alle Varianten, die wir prüfen, sehen sowohl eine völlig neue Tropenhalle als auch eine neue, faszinierende Amazonas-Welt vor. Diese Ausdehnung ist dringend nötig, um das Tierwohl auch langfristig auf höchstem Niveau gewährleisten zu können.
Was ist bei all den strategischen Plänen und der großen Verantwortung der Moment, der Sie im Alltag am glücklichsten macht?
Das ist ganz einfach: Jeden Tag schaffen wir es hier, ein Leuchten in die Augen der Besucher zu zaubern. Das macht mich zutiefst froh.
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